← Zurück zur Startseite
Verstehen

Zeitblindheit

Wenn Zeit sich nicht wie eine Linie anfühlt, sondern nur wie jetzt und nicht jetzt.

Nur noch schnell

Um halb drei muss ich los. Es ist zwei. Also bleibt ja noch massig Zeit, denke ich, und räume nur noch schnell die Spülmaschine aus. Dann beantworte ich nur noch schnell eine Nachricht. Dann suche ich den Schlüssel. Plötzlich ist es zwanzig vor drei, und ich frage mich ehrlich, wer an der Uhr gedreht hat.

Das passiert mir nicht ab und zu, sondern ständig. Und jedes Mal bin ich wieder überrascht. Das ist vielleicht das Seltsamste daran.

Jetzt und nicht jetzt

Für viele Menschen fließt Zeit spürbar vor sich hin. Sie merken, dass eine halbe Stunde vergangen ist, ohne auf die Uhr zu schauen. Bei mir gibt es eher zwei Zustände: jetzt und nicht jetzt. Alles, was nicht jetzt ist, liegt irgendwo im Nebel, egal ob es in einer Stunde oder in drei Wochen passiert.

Bei ADHS ist das gut bekannt. Das Gehirn schätzt Zeitspannen ungenauer ein und spürt Zukünftiges weniger dringlich. Das hat mit der Regulation von Aufmerksamkeit und Antrieb zu tun, nicht mit Gleichgültigkeit. Ich weiß, dass der Termin wichtig ist. Er fühlt sich nur erst dann echt an, wenn er quasi schon vor der Tür steht.

Das klassische Bild: Warum viele zu spät kommen

Bei vielen mit ADHS ist Zu spät kommen der Klassiker. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil die Zeit bis zum Termin oft nicht richtig tickt. Man unterschätzt, wie lange der Weg dauert, oder fängt noch schnell etwas an, das dann viel länger dauert als gedacht. Und plötzlich ist man spät dran, obwohl man doch die ganze Zeit wusste, wann es losgeht.

Das erzeugt enormen Stress. Das schlechte Gewissen fährt immer mit, und mit der Zeit fürchten manche sich so sehr vor dem Zuspätkommen, dass der ganze Termin davon überschattet wird, bevor er überhaupt angefangen hat.

Viel zu früh aus lauter Angst

Bei mir sieht es meistens genau andersherum aus. Ich komme nicht zu spät, ich komme viel zu früh. Oft eine halbe Stunde. Nicht weil ich so gut plane, sondern weil ich Angst habe, es sonst nicht zu schaffen.

Dann sitze ich im Auto oder stehe vor der Tür und warte. Schaue auf die Uhr, obwohl ich weiß, wie spät es ist. Wenn der Termin endlich anfängt, bin ich schon erschöpft. Auch das ist Zeitblindheit, nur mit einer extra Portion Sorge obendrauf.

Das andere Ende: Warten ist endlos

Lustigerweise funktioniert das auch umgekehrt. Fünf Minuten im Wartezimmer fühlen sich an wie ein halber Nachmittag. Und wenn ich einen Termin um vier habe, ist der ganze Tag davor irgendwie blockiert. Ich fange nichts Richtiges an, weil ja gleich der Termin ist. Der Tag ist dann trotzdem weg.

Im Hyperfokus wiederum verschwinden Stunden komplett. Beides ist dieselbe Zeitwahrnehmung, nur in unterschiedlicher Stimmung.

Was mir hilft: Zeit sichtbar machen

Wenn ich Zeit nicht fühle, muss ich sie sehen. Mein visueller Timer zeigt mir als kleine, schrumpfende Fläche, wie viel noch übrig ist. Das wirkt auf mich ganz anders als eine Zahl auf dem Display.

Außerdem rechne ich rückwärts. Nicht „um halb drei los“, sondern: halb drei Tür, fünf Minuten vorher Schuhe, zehn Minuten vorher alles Weitere liegen lassen. Für jeden dieser Punkte gibt es einen Wecker. Klingt übertrieben. Funktioniert aber.

Kleine Schritte im Alltag

Nicht alle gleichzeitig, sondern einer, der zu deinem Alltag passt. Was du hier markierst und notierst, landet auf deinem gemeinsamen Notizzettel.

Die kleinen Schritte zu diesem Thema findest du auf deinem Notizzettel. Dort kannst du sie ankreuzen, Notizen ergänzen und alles zusammen ausdrucken. Zum Notizzettel

Wann professionelle Unterstützung sinnvoll ist

Wenn Unpünktlichkeit, verpasste Fristen oder das ständige Gefühl von Zeitdruck den Alltag, die Arbeit oder Beziehungen belasten, lohnt sich eine fachliche Einordnung. Zeitblindheit ist keine eigene Diagnose, kann aber ein Hinweis auf ADHS sein.

  • Hausärztin oder Hausarzt: erste Anlaufstelle und Überweisung zur Diagnostik.
  • Psychiatrische oder psychotherapeutische Praxis mit Erfahrung in ADHS: Abklärung und gemeinsame Suche nach passenden Strategien.
  • ADHS Beratung oder Coaching: praktische Hilfe beim Planen und Strukturieren von Zeit.

Der erste Termin ist ein Gespräch, keine Festlegung.