Exekutive Dysfunktion
Wenn Wollen nicht automatisch Machen bedeutet. Und warum das nichts mit Faulheit zu tun hat.
Der Brief, der einfach liegen bleibt
Gib mir ein verzwicktes Thema, und ich verschwinde für einen ganzen Nachmittag darin. Ich lese, sortiere, verbinde, schreibe. Hinterher bin ich manchmal selbst erstaunt, wie viel da in meinem Kopf Platz hatte.
Am selben Abend liegt dann dieser eine Brief neben meiner Tasse. Schon den vierten Tag. Er will nur in einen Umschlag und in den Briefkasten an der Ecke. Ich schaue ihn an, er schaut zurück, und passieren tut nichts. Wenn mir jemand das als Geschichte erzählen würde, ich würde es auch nicht glauben.
Die Steuerzentrale im Kopf
Dafür gibt es einen Namen: exekutive Funktionen. Ich stelle sie mir wie eine kleine Regie vor, die sagt, jetzt anfangen, erst das, dann das, das hier merken, das da ignorieren, und irgendwann auch wieder aufhören.
Wenn diese Regie unzuverlässig arbeitet, spricht man von exekutiver Dysfunktion. Bei ADHS ist das ein sehr bekanntes Thema, und auch viele autistische Menschen kennen es. Nur sieht es bei niemandem genau gleich aus.
Eine Kleinigkeit aus lauter Anfängen
Mein Brief ist in Wahrheit gar keine einzelne Aufgabe. Umschlag suchen. Adresse raussuchen. Gibt es noch eine Briefmarke? Schuhe an. Das liegen lassen, woran ich gerade sitze. Jacke. Schlüssel. Und unterwegs bloß nicht vergessen, wofür ich eigentlich losgegangen bin.
Jeder dieser kleinen Schritte ist ein eigener Start, und genau das Starten ist der Teil, der mich am meisten kostet. Nicht das Können. Das Anfangen.
Warum Interesse so viel verändert
Bei mir gilt grob: Kompliziert und spannend klappt erstaunlich oft. Simpel und öde ist der Endgegner. Das liegt nicht daran, dass ich nur mache, worauf ich Lust habe. Bei ADHS reagiert das Gehirn aber offenbar stärker auf Reiz, Neuheit und Belohnung. Was mich packt, schiebt mich an. Was mich nicht packt, muss ich mühsam selbst anschieben.
Der Satz „Bei deinem Lieblingsthema kannst du dich ja auch konzentrieren“ trifft deshalb leider völlig daneben. Ja, kann ich. Genau das ist ja das Verwirrende.
Und wie voll ist der Akku heute?
Dazu kommt die Tagesform. Nach einer schlechten Nacht oder einem Tag voller Gespräche, Geräusche und Entscheidungen ist meine Regie einfach müde. Dieselbe Sache, die gestern nebenbei ging, fühlt sich heute an wie ein Berg.
Von außen wirkt das widersprüchlich. Wer einen langen Text schreiben kann, wird doch wohl den Geschirrspüler ausräumen können. Leider nein, nicht immer. Ich weiß, wie es geht, und ich will es auch. Das Hindernis sitzt irgendwo zwischen Wollen und Tun.
Was mir hilft: die Regie nach draußen holen
„Mach doch einfach“ funktioniert bei mir ungefähr so gut wie „Sei doch einfach entspannt“. Viel besser klappt es, wenn ich mir Hilfe von außen baue. Der Brief liegt auf meinen Schuhen statt auf dem Tisch. Ich nehme mir nur den Umschlag vor, nicht den ganzen Weg. Ich verabrede mich mit mir selbst für einen festen Moment. Oder ich rufe jemanden an und mache es, während wir reden.
Das ist kein Zeichen dafür, dass ich mein Leben nicht im Griff habe. Ich lagere nur einen Teil der Steuerung aus, der drinnen gerade klemmt. Ziemlich schlau eigentlich, finde ich inzwischen.
Kleine Schritte im Alltag
Nicht alle gleichzeitig, sondern einer, der zu deinem Alltag passt. Was du hier markierst und notierst, landet auf deinem gemeinsamen Notizzettel.
Die kleinen Schritte zu diesem Thema findest du auf deinem Notizzettel. Dort kannst du sie ankreuzen, Notizen ergänzen und alles zusammen ausdrucken. Zum Notizzettel
Wann professionelle Unterstützung sinnvoll ist
Wenn wichtige Dinge im Alltag dauerhaft liegen bleiben, etwa Rechnungen, Termine oder Post, und das spürbar belastet, lohnt sich eine fachliche Einordnung.
- Hausärztin oder Hausarzt: erste Anlaufstelle und Überweisung zur Diagnostik.
- Psychiatrische oder psychotherapeutische Praxis mit Erfahrung in ADHS oder Autismus: Abklärung und gemeinsame Suche nach passenden Strategien.
- Ergotherapie und Coaching: praktische Hilfe beim Aufbau von Strukturen im Alltag.
Der erste Termin ist ein Gespräch, keine Festlegung.

