Hyperfokus
Wenn etwas so spannend ist, dass Zeit, Hunger und die ganze Umgebung verschwinden.
Der Nachmittag, der einfach weg war
Ich setze mich hin, um kurz etwas nachzuschauen. Als ich wieder aufblicke, ist es dunkel draußen. Der Kaffee neben mir ist kalt und unangetastet, mein Rücken meldet sich empört, und ich kann beim besten Willen nicht sagen, wo die Stunden geblieben sind.
Das ist Hyperfokus. Kein besonderes Talent und kein Trick, sondern ein Zustand, in dem meine Aufmerksamkeit sich an einer Sache festhakt und alles andere einfach ausblendet.
Der Widerspruch, den keiner versteht
Genau hier wird es für Außenstehende unglaubwürdig. Dieselbe Person, die eine einfache Mail tagelang vor sich herschiebt, kann sich sechs Stunden lang in ein Thema vergraben, ohne einmal aufzustehen.
Der Satz „Du kannst dich ja konzentrieren, wenn du willst“ sitzt deshalb so falsch. Ich will fast immer. Aber meine Aufmerksamkeit lässt sich nicht nach Wichtigkeit einschalten, sondern nach Interesse. Was packt, zieht mich hinein. Was nicht packt, muss ich mühsam anschieben. Beides gehört zu derselben Regulation, nur an zwei verschiedenen Enden.
Was drinnen alles ausgeht
Im Hyperfokus höre ich nicht schlecht, ich höre gar nicht. Jemand spricht mich an, und es kommt schlicht nicht an. Hunger, Durst, eine volle Blase, all das meldet sich erst wieder, wenn der Fokus reißt. Manchmal erschrecke ich regelrecht, weil jemand neben mir steht, der schon länger da ist.
Das ist keine Ignoranz und keine Unhöflichkeit. Die Signale von innen und außen erreichen mich in diesem Zustand einfach nicht. Erst hinterher merke ich, was alles ausgefallen ist.
Bei mir trifft es vor allem Essen und Trinken. Ich kann stundenlang vergessen, dass ich überhaupt einen Körper habe. Oft holt mich erst der Blutzucker im Keller zurück, mit Zittern, Schwindel und einem Kreislauf, der mir klar sagt: So nicht. Deshalb steht bei mir inzwischen ein Glas Wasser und etwas zum Knabbern in Griffweite, bevor ich überhaupt anfange.
Fluch und Segen zugleich
Ich will ehrlich sein: Im Hyperfokus entstehen bei mir die besten Dinge. Texte, Ideen, Lösungen, auf die ich im normalen Zustand nie gekommen wäre. Diese Tiefe ist ein echter Segen, und ich möchte sie nicht missen.
Der Fluch ist der Preis danach. Termine, die ich verschlafen habe, während ich wach am Schreibtisch saß. Menschen, die sich übergangen fühlten. Ein Körper, der stundenlang weder gegessen noch sich bewegt hat. Und die Leere, wenn der Tunnel sich öffnet und ich erst einmal gar nichts mehr kann.
Was mir hilft: Anker statt Bremsen
Den Hyperfokus verbieten will ich nicht, das wäre wie Schwimmen gegen den Strom. Was funktioniert, sind Anker, die vorher gesetzt werden. Ein Wecker, der mich ans Essen erinnert. Eine Wasserflasche in Reichweite. Ein Mensch, der weiß, dass er mich zweimal ansprechen muss, und das nicht persönlich nimmt.
Und danach ein weicher Übergang. Zehn Minuten, in denen nichts Neues anfängt, während mein Kopf aus dem Tunnel zurückfindet. Das klingt banal, macht aber den Unterschied zwischen einem guten Nachmittag und einem verlorenen Abend.
Kleine Schritte im Alltag
Nicht alle gleichzeitig, sondern einer, der zu deinem Alltag passt. Was du hier markierst und notierst, landet auf deinem gemeinsamen Notizzettel.
Die kleinen Schritte zu diesem Thema findest du auf deinem Notizzettel. Dort kannst du sie ankreuzen, Notizen ergänzen und alles zusammen ausdrucken. Zum Notizzettel
Wann professionelle Unterstützung sinnvoll ist
Hyperfokus allein ist kein Grund zur Sorge. Wenn aber der Wechsel zwischen Tunnel und Leere den Alltag stark bestimmt, etwa weil Termine, Essen oder Schlaf regelmäßig darunter leiden, lohnt sich eine fachliche Einordnung.
- Hausärztin oder Hausarzt: erste Anlaufstelle und Überweisung zur Diagnostik.
- Psychiatrische oder psychotherapeutische Praxis mit Erfahrung in ADHS: Abklärung und gemeinsame Suche nach passenden Strategien.
- ADHS Beratung oder Coaching: praktische Hilfe, um Stärken zu nutzen, ohne sich selbst zu verlieren.
Der erste Termin ist ein Gespräch, keine Festlegung.

