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Verstehen

Scham

Scham sagt nicht: Du hast etwas falsch gemacht. Sie sagt: Irgendwie bist du selbst das Problem.

Wenn der Boden unter dem Gefühl nachgibt

Ich versuche es mal zu beschreiben, obwohl es ein komisches Gefühl ist. Es gibt diesen Moment: Ich vergesse den Namen von jemandem, den ich eigentlich mag. Ich muss zum dritten Mal absagen. Jemand steht in meiner Wohnung, während die Spülmaschine noch voll ist. Eigentlich nichts. Und trotzdem will in diesem Moment irgendetwas in mir am liebsten unter den Teppich.

Viele beschreiben es als heiß. Als wollten sie kleiner werden. Als hätten sie sich gerade ertappt. Genau das ist Scham. Und das Tückische: Sie sagt nicht, du hast etwas falsch gemacht. Das wäre Schuld, und Schuld lässt sich besprechen und wiedergutmachen. Scham sagt etwas Größeres und Falscheres. Sie sagt: Du selbst bist irgendwie das Problem.

Warum Scham bei uns so oft mitfährt

Bei ADHS und bei vielem, was auf dieser Seite steht, läuft Scham fast immer mit. Nicht als großes Drama, sondern als Ansammlung kleiner Momente. Die Schulzeit, in der der Zettel wieder nicht da war. Das versprochene Aufräumen, das wieder nicht geklappt hat. Die Gesichter von Menschen, die offenbar genug gesehen haben. Stück für Stück lernt man aus lauter solchen Momenten einen Satz, der nicht stimmt und sich trotzdem wie eine Wahrheit anfühlt: Ich bin die, bei der es nicht klappt.

Dazu kommt das Masking. Jahre des Übens, wie man alles überspielt, damit niemand merkt, wie viel Mühe dahintersteckt. Das funktioniert erstaunlich lange. Aber jedes Mal, wenn die Fassade doch mal einen Riss bekommt, zahlt die Scham ihren Zins nach.

Wo Scham sich versteckt

Scham trägt selten ein Schild. Sie tarnt sich. Manchmal als Wut, weil jemand zu nah an einer wunden Stelle war. Manchmal als Rückzug, als plötzliche Lustlosigkeit, als die dritte Absage in einem Monat. Und sehr oft als kleine Sätze im Kopf, die sich so gewohnt anhören, dass man sie gar nicht mehr hinterfragt: Ich bin so vergesslich. Ich bin zu viel. Ich bin zu wenig. Alle anderen kriegen das hin.

Wer solche Sätze eine Weile sammelt, merkt irgendwann etwas Erstaunliches. Das sind meist keine eigenen Gedanken. Das sind alte Stimmen, ausgestellt von Menschen, die damals nicht wussten, was sie da eigentlich sagen.

Sie hält sich an keine Themenkarte

Das Besondere an Scham ist, dass sie quer durch alles läuft. Sie sitzt mit am Tisch, wenn der Körper wieder nicht mitmacht und jemand sagt: Aber du siehst doch gesund aus. Sie ist dabei, wenn der Darm im Restaurant eigene Pläne hat und man fluchtartig einen Ausweg sucht. Sie ist in den Wechseljahren da, wenn man sich fragt, ob man noch die eigene ist. Und sie ist da, wenn die Zeit wieder davongelaufen ist und man zum wievielten Mal auch immer zu spät kommt.

Deshalb steht dieses Thema hier nicht als ein Thema unter vielen. Es ist eher ein roter Faden, der durch fast alle anderen mitläuft. Wer Scham ein bisschen entlarvt, hat oft gleich an mehreren Stellen mehr Luft.

Wie Scham bei mir aussieht

Bei mir schaut Scham vor allem so aus, dass ich alles kaschiere. Ich sage gut, wenn jemand fragt, obwohl gerade gar nichts gut ist. Ich schiebe Dinge unter die Oberfläche, wortwörtlich, damit niemand sieht, wie sehr der Alltag gerade kippt. Und ich trage so manches lange mit mir herum, weil ich glaube, es wäre zu viel für andere.

Das Verrückte daran ist, dass genau dieses Schweigen die Scham füttert. Sie ist wie ein Pilz, der nur im Dunkeln wächst. Das erste Mal, als ich einer Person einen dieser Sätze wirklich gesagt habe, ist übrigens gar nichts Schlimmes passiert. Es kam kein Entsetzen, kein Mitleidsblick. Es kam nur: Kenn ich. Und dieser eine Moment hat mehr verändert als Jahre davonreden.

Was hilft, ohne die Wunde groß aufzubrechen

Es geht nicht darum, Scham öffentlich auszubreiten. Die meisten von uns wollen genau das nicht, und das ist in Ordnung. Was erfahrungsgemäß hilft, sind kleine Bewegungen in die andere Richtung.

  • Benennen statt verstecken: Wenn das heiße Gefühl kommt, innerlich sagen: Das ist Scham. Ein benanntes Gefühl braucht weniger Platz als ein unbenanntes.
  • Eine Person statt alle: Nicht der große Geständnisabend. Ein Mensch, dem man einen ehrlichen Satz zutraut. Mehr braucht es nicht, um den Pilz ans Licht zu halten.
  • Sätze aufs Papier: Die eigenen Schamsätze eine Weile mitlesen. Aufgeschrieben klingen sie schon nach einer Woche weniger wie Fakten und mehr wie alte Tonbänder.
  • Der Freundinnentest: Jeden harten Satz kurz prüfen: Würde ich das einer guten Freundin sagen? Wenn nein, darf ich es auch mir selbst nicht ungeprüft glauben.

Kleine Schritte im Alltag

Nicht alle gleichzeitig, sondern einer, der zu deinem Alltag passt. Was du hier markierst und notierst, landet auf deinem gemeinsamen Notizzettel.

Die kleinen Schritte zu diesem Thema findest du auf deinem Notizzettel. Dort kannst du sie ankreuzen, Notizen ergänzen und alles zusammen ausdrucken. Zum Notizzettel

Wann professionelle Unterstützung sinnvoll ist

Wenn Scham nicht mehr nur in einzelnen Momenten aufblitzt, sondern den Grundton des ganzen Lebens bestimmt, wenn der eigene Wert sich nur noch daran bemisst, wie viel man geschafft hat, oder wenn sie so schwer wird, dass man sich zurückzieht, lohnt sich Begleitung. Scham ist ein Thema, mit dem Therapien viel Erfahrung haben, gerade bei ADHS und bei langjährigen Belastungen.

  • Psychotherapeutische Praxis: Scham lässt sich gut therapeutisch bearbeiten, oft gemeinsam mit dem, was dahintersteht.
  • Beratung zu ADHS oder eine Selbsthilfegruppe: Räume, in denen andere von ähnlichen Erfahrungen erzählen, entziehen der Scham oft von ganz allein den Boden.

Der erste Termin ist auch hier ein Gespräch, keine Festlegung.