ADHS oder Wechseljahre?
Diese Frage lässt sich oft nicht sauber trennen – und genau das ist das Verwirrende an dieser Lebensphase.
Warum die Zuordnung schwierig ist
Konzentrationsprobleme, Wortfindungsschwierigkeiten, Reizempfindlichkeit, Erschöpfung und Stimmungsschwankungen werden sowohl im Zusammenhang mit ADHS als auch im Zusammenhang mit den Wechseljahren beschrieben. Dieselbe Beobachtung kann also verschiedene Hintergründe haben – und mehrere davon gleichzeitig.
Wenn das Masking nicht mehr hält
Jahrzehntelang hat das Kompensieren funktioniert: Listen schreiben, sich zusammenreißen, Reizüberflutung überspielen, Routinen unter großem Kraftaufwand halten. Setzt die hormonelle Umstellung ein, greifen viele dieser Strategien plötzlich nicht mehr. Das heißt nicht, dass jemand mit 45 plötzlich neurodivergent wird – beschrieben wird eher, dass die Kraft fehlt, Unterschiede weiterhin zu verbergen: vor anderen und vor sich selbst.
Östrogen, Dopamin und das Nervensystem
Die Perimenopause ist von starken Schwankungen von Östrogen und Progesteron geprägt. Östrogen wirkt unter anderem auf dopaminerge Systeme – also auf Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, Impulskontrolle und emotionale Regulation. Genau diese Bereiche sind bei ADHS ohnehin empfindlich. Übersichtsarbeiten kommen deshalb zu dem Schluss, dass hormonelle Veränderungen ADHS-Symptome verstärken können.
Eine populationsbasierte Studie mit 5.392 Frauen (Smári et al., 2025) fand: 54,2 % der Frauen mit ADHS berichteten schwere perimenopausale Beschwerden, gegenüber 30,1 % ohne ADHS. Die Autorinnen und Autoren halten es für plausibel, dass die hormonelle Umstellung bestehende Symptome verschärfen oder bislang unerkanntes ADHS sichtbar machen kann.
„Cracking the Mask“ – ADHS, Autismus und Neurodivergenz
Bei ADHS, im autistischen Spektrum und bei Schnittmengen von beidem (AuDHS) beschreiben Frauen in dieser Phase einen ähnlichen Wendepunkt: Sensorische Empfindlichkeit, exekutive Schwierigkeiten, Überforderung und Meltdowns nehmen zu, und bisheriges Masking trägt nicht mehr. Eine qualitative Studie von Moseley und Kolleg:innen trägt den Titel „When my autism broke“; eines ihrer zentralen Themen nannten die Forschenden „cracking the mask“. Für manche war genau diese Veränderung der Anlass, dass ADHS oder Autismus überhaupt erst erkannt wurden.
Die Forschung steht hier noch am Anfang, besonders beim Autismus, wo vieles auf kleinen, qualitativen Studien beruht. Die Richtung der Ergebnisse ist aber deutlich genug, um den Zusammenhang ernst zu nehmen.
Was das im Alltag bedeutet
Für die Frage „Was hilft mir jetzt?“ ist die Ursache oft nicht das Wichtigste. Weniger Reizlast, verlässlicher Schlaf, kleinere Startschritte und äußere Struktur wirken unabhängig davon, wie die Zuordnung am Ende ausfällt.
Kleine Schritte im Alltag
Solange die Frage offen ist, hilft ein pragmatischer Weg: beobachten und gleichzeitig entlasten.
Die kleinen Schritte zu diesem Thema findest du auf deinem Notizzettel. Dort kannst du sie ankreuzen, Notizen ergänzen und alles zusammen ausdrucken. Zum Notizzettel
Wann fachliche Abklärung sinnvoll ist
Wenn Beschwerden anhalten, den Alltag deutlich einschränken oder belasten, gehört das in fachliche Hände – gynäkologisch, ärztlich oder psychotherapeutisch. Es hilft, Beobachtungen über einige Wochen zu notieren und mitzubringen.
- Gynäkologische Praxis: für alles, was mit Zyklus und hormonellen Veränderungen zusammenhängt.
- Hausärztin oder Hausarzt: um Körperliches abzuklären und weiterzuvermitteln.
- Fachliche ADHS-Diagnostik: wenn der Verdacht immer wieder im Raum steht – auch spät im Leben.
- Psychotherapeutische Sprechstunde: niedrigschwellig, auch ohne längere Therapieentscheidung.
Du musst dabei nicht vorher wissen, was es ist. Das Beschreiben reicht als Anfang.

